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INHALT
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  • Rostock-Lichtenhagen 1992. In einer verödeten Wohnsiedlung hängen die Jugendlichen herum und wissen nichts mit sich anzufangen. Tagsüber gelangweilt, harren sie der Nächte, um gegen Polizei und Ausländer zu randalieren. Auch Stefan (Jonas Nay), der Sohn eines Lokalpolitikers (Devid Striesow), streift mit seiner Clique ziellos durch die Gegend. Es brodelt, aber immer nur bis kurz vor dem Siedepunkt. Ohne Job und eine Aufgabe finden die Freunde immer nur sich selbst als Ziel kleinerer und großer Grausamkeiten. Liebe ist austauschbar, Freundschaft und Loyalität sind nur Beiwerk einer aufgesetzten Ideologie.

    Auch Lien (Trang Le Hong) lebt mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in der Siedlung, im sogenannten Sonnenblumenhaus, das von Vietnamesen bewohnt wird. Sie glaubt in Deutschland eine Heimat gefunden zu haben und will auch nach der Wende bleiben. Ihr Bruder dagegen plant die Rückkehr, weil er vor dem Hintergrund der wachsenden Anfeindungen um die Zukunft seiner Familie fürchtet. Es ist der 24. August als die Geschichten dieser Menschen zusammentreffen: Der Mob hat sich vor dem Sonnenblumenhaus versammelt.

    Auch Stefan, Robbie und die anderen sind unter den Randalierern. Die Krawalle eskalieren und schließlich wirft einer den ersten Molotow-Cocktail ins Haus. Die tatenlos zuschauende Menge klatscht Beifall. Am Ende dieses Tages wird sich für viele das Leben geändert haben. Dabei eint sie alle die Sehnsucht nach einer Heimat, nach Liebe und einer Alternative im Leben; nach der Möglichkeit den eigenen kleinen Traum vom Glücklichsein verwirklichen zu können.

    WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK. zeigt eindringlich wie eine Gesellschaft in einer lauen Sommernacht moralisch gegen die Wand fährt. Mit Feingefühl und Sensibilität folgt Burhan Qurbani dem schmalen Grat zwischen Verlust von Identität und der daraus resultierenden Flucht in eine Ideologie, die vermeintlich eine Perspektive verspricht. Mutig zeichnet der Regisseur das Bild einer verlorenen Generation und das moralische Versagen der Gesellschaft, sich um die Menschen zu kümmern.
CAST & CREW
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  • Cast

    Stefan: Jonas Nay

    Lien: Trang Le Hong

    Martin: Devid Striesow

    Robbie: Joel Basman

    Jennie: Saskia Rosendahl

    Goldhahn: Paul Gäbler

    Sandro: David Schütter

    Tabor: Jakob Bieber

    Ramona: Gro Swantje Kohlhof

    Thao: Mai Duong Kieu

    Minh: Aaron Le

    Katrin: Larissa Fuchs

    Jürgen: Axel Pape

    Peter: Thorsten Merten

    Philipp: Enno Trebs

    Wäschereichef: Matthias Brenner

    Frau Goldhahn: Martina Eitner-Acheampong



    Crew

    Regie: Burhan Qurbani

    Buch: Martin Behnke, Burhan Qurbani

    Produzenten: Jochen Laube, Leif Alexis

    Bildgestaltung: Yoshi Heimrath

    Montage: Julia Karg

    Szenenbild: Jill Schwarzer

    Kostümbild: Juliane Maier

    Maskenbild: Jana Schulze

    Musik: Matthias Sayer, Tim Ströble

    Ton: Stephan von Hase, Kai Lüde, Rainer Gerlach

    Sounddesign: Rainer Gerlach

    Mischung: Florian Beck

    Casting: Nina Haun

    Casting Jugendliche: Jacqueline Rietz

    Casting Vietnamesen: Thuy Trang Nguyen

    Produktionsleitung: David Besecke

    Herstellungsleitung: Michael Jungfleisch

    Koproduzenten: Frank Evers, Helge Neubronner, Burhan Qurbani, Yoshi Heimrath

    Redakteure: Burkhard Althoff (ZDF/Das kleine Fernsehspiel), Olaf Grunert (ZDF/Arte)
REGIEKOMMENTAR
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  • Ich war noch sehr klein, als die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen stattfanden. Ich kann nicht behaupten, dass ich damals alles verstanden hatte, was im TV zu sehen und in den Zeitungen zu lesen war und was es für das gerade wiedervereinigte Deutschland hieß. Ich kann mich aber sehr lebhaft an die Bilder erinnern. Die haben sich eingebrannt, die hatte ich verinnerlicht: das Feuer, die Chaoten und die Schaulustigen, 3000 Stück an der Zahl, und ihnen entgegen zum Teil fast doppelt so viele Polizisten.

    Ich kann mich erinnern, dass ich mich plötzlich sehr fremd gefühlt habe. Es ist seltsam, aber ich glaube, dass ich in dieser Zeit erst mein Ausländersein verstanden habe. Nichtwillkommensein. Hier nicht ganz Zuhause sein. Der Grund unter meinen Füßen war plötzlich doppelbödig. Eine erste Infragestellung von Heimat. Ich glaube, dass es vielen, die damals Steine und Mollis geworfen haben ganz ähnlich ging.

    Aber Rostock- Lichtenhagen droht im kollektiven Unterbewusstsein unserer Gesellschaft zu versickern. Mein Film möchte erinnern. Nicht anklagen, nicht denunzieren, aber dieses Ereignis, welches eine der schlimmsten zivilen Katastrophen der Deutschen Nachkriegszeit war, noch mal ins Gedächtnis rufen.

    © Foto: Hendrik Ertel
HINTERGRUND
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  • Noch mehr Hintergründe zu den Ausschreitungen in Rostock- Lichtenhagen finden Sie » hier.


    Der Text: © Martin Behnke (alle Rechte vorbehalten; kurzes Zitieren nur mit genauer Quellenangabe; längere Wiedergabe nur nach schriftlicher Genehmigung möglich)

    Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen
    von Martin Behnke (Drehbuchautor).

    Die Vorgeschichte 1992 leben in Rostock 240.000 Einwohner, knapp 1.700 von ihnen sind Ausländer. Die Mehrheit sind Angolaner, Mosambikaner und vor allem Vietnamesen, die noch zu DDR-Zeiten als so genannte „Vertragsarbeiter“ zumeist in der Rostocker Werft oder im Hafen arbeiteten.

    Rostock ist, wie viele Städte und Regionen der ehemaligen DDR nach der Wendezeit, in einer wirtschaftlich desolaten Lage. Durch die Einführung der D-Mark sind vielen ehemaligen DDR- Betrieben, die zuvor noch gute Exportzahlen aufgewiesen haben, die alten Handelspartner im sozialistischen Ausland verloren gegangen, die die harte D-Mark nicht mehr zahlen können. Die Folge sind Stilllegung und Insolvenz der ehemaligen Staatsbetriebe und rapide ansteigende Arbeitslosenzahlen. Allein in Rostock-Lichtenhagen sind über die Hälfte der 22.000 Einwohner Jugendliche. Beträgt die Arbeitslosenquote bei den Älteren bereits alarmierende 19 Prozent, so sind es bei den unter 25-Jährigen bis zu 50 Prozent. Die neue Freiheit, die nach dem Fall der Mauer zunächst einen rauschhaften, grenzenlose Konsum auslöste, ist zweieinhalb Jahre später einer allgemeinen Ernüchterung und Enttäuschung gewichen. Als die Mauer fiel, war die BRD gerade auf dem Weg in eine Rezession, die nun die Menschen in Ostdeutschland wegen fehlender Rücklagen und insbesondere Rentner und kinderreiche Familie besonders hart trifft.

    Viele Menschen machen so zum ersten Mal die Erfahrung, ohne den gewohnten Arbeitsrhythmus zu leben, ohne das Bewusstsein, als Arbeitskraft gebraucht zu werden. Im Gegenteil, sie gelten nun als Sozialfall, als eine Belastung der bundesdeutschen Gesellschaft.

    Die Entwertung ihres bisherigen Lebens im neuen Staat empfinden viele Ostdeutsche als demütigend. Viele gesellschaftliche Güter und Werte, wie das soziale Absicherungssystem und das Schulsystem, werden als Teil eines Unrechtsstaats diskussionslos abgelehnt, ohne sie auf einen eventuellen Nutzen für die neue Gesellschaft zu überprüfen. DDR-Konsumprodukte wie Mode oder Elektronik werden als minderwertig, unverkäuflich und primitiv angesehen. DDR-Kultur, Musik und Filme sowie insbesondere staatliche Veranstaltungen sind Anlass zum Spott. Das Bild des “Ossis“ als Typus des unselbständigen, leichtgläubigen, geschmacklosen, arbeitsscheuen, ständig unzufriedenen und selbstmitleidigen Charakters wird geprägt. Durch die kritiklosen Aburteilung der DDR-Gesellschaft entsteht der Eindruck einer westlichen “Siegerpolitik“, die wenig mit dem Versprechen der gemeinsamen Gestaltung eines neuen Deutschlands gemein hatte. Aus diesen Erfahrungen heraus entsteht ein umfassendes, allgemeines Minderwertigkeitsgefühl in den neuen Ländern, als Ostdeutscher gegenüber Westdeutschen in mehrfacher Hinsicht zweitklassig zu sein. Eine Ungleichheit, die in vielen Aspekten, wie dem unterschiedlichen Lohnniveau, den Renten- und Sozialleistungen, den Positionen innerhalb der Arbeitshierarchien, dem Auftreten der Westdeutschen im Ostdeutschland auch der Wirklichkeit entspricht. Um diese Minderwertigkeitsgefühle auszugleichen, entsteht das Bedürfnis nach Überlegenheit über eine andere Gruppe, zu der einige Bürger die Asylbewerber wählen.

    Das Sonnenblumenhaus
    Im so genannten Sonnenblumenhaus, einem mehrstöckigen Plattenbau im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen, befindet sich 1992 die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) für Mecklenburg-Vorpommern.

    Die Aufgabe der ZAst besteht darin, Asylsuchende zu registrieren und sie dann an andere Einrichtungen zu verweisen. Zur vorübergehenden Unterbringungen gibt es Wohnraum für ca. 150 Menschen. Schon bald steigt jedoch die Anzahl der ankommenden Asylsuchenden dramatisch an und übersteigt die Kapazitäten der Einrichtung. Entsprechende Hilfegesuche aus Rostock an das Land werden vom Innenministerium überhört bzw. die Zuständigkeit zurück an den Innensenator von Rostock gegeben. Tatsächlich gibt es für die ZAst per Verfahrensgesetz eine geteilte Verantwortung zwischen dem Land Mecklenburg-Vorpommern und der Stadt Rostock, was von Beginn an zu Kompetenzstreitigkeiten führt.

    Im Jahr 1992 steigt die Zahl der Asylsuchenden stetig an und da weder das Land, noch die Stadt für eine Aufstockung von Personal und Unterbringungsmöglichkeiten sorgen, sehen sich hunderte von Asylsuchenden teilweise gezwungen, in den Grünanlagen vor dem Sonnenblumenhaus zu kampieren, darunter überwiegend Roma aus Rumänien. Dies führt sofort zu hygenischen Problemen und sorgt für Zorn unter den Anwohnern. Um die Zustände nicht zu legalisieren, weigert sich die Stadt jedoch, geeignete Vorkehrungen zu treffen, wie zum Beispiel Toiletten aufzustellen. Erst später werden Notunterkünfte von der Stadt eingerichtet und das Innenministerium fordert von der ZAst, die Asylbewerber ohne Formalitäten aufzunehmen. Der bereits unter seinem Vorgänger beschlossene Umzug der ZAst in eine leerstehende ehemaligen NVA-Kaserne wird von Innenminister Lothar Kupfer (CDU) immer weiter nach Hinten verschoben.

    Die Bürger und Anwohner aus Rostock-Lichtenhagen weisen die Stadt schon mehrere Monate vor den Ausschreitungen auf die unhaltbaren Zustände vor der ZAst hin, jedoch ohne Ergebnis. Oberbürgermeister Klaus Kilimann weist in einem Schreiben an den damaligen Innenminister Georg Diederich mit drastischen Worten auf die möglichen Gefahren der Situation in Lichtenhagen hin, doch auch hieraus ergeben sich keine Konsequenzen.

    Eine Woche vor den Ausschreitungen verteilt eine mit rechtsextremen Hintergrund organisierte Initiative “Rostock bleibt deutsch“ 100.000 Flugblättern in Lichtenhagen und Umgebung und auch die beiden Rostocker Tageszeitungen, „Norddeutsche Neueste Nachrichten“ und die „Ostsee-Zeitung“ drucken nun mehrere Berichte über die vermeintliche Bürgerinitiativen Lichtenhagens, die Aktionen androhen, sollte die ZAst nicht bis zum Wochenende des 22. und 23. August 1992 geräumt werden. Trotz dieser Stimmung in Rostock Lichtenhagen und der angekündigten Aktionen fahren die leitenden Beamten der Polizei über das Wochenende zu ihren Familien nach Westdeutschland, da nach der Wende nahezu alle leitenden Stellen im Polizeiapparat mit westdeutschen Beamten besetzt wurden.

    Die Krawalle
    Samstag, 22. August 1992
    Nach offiziellen Angaben beginnen die Krawalle in Lichtenhagen am Samstag gegen 20 Uhr. Etwa 300 bis 400 Randalierer greifen das Asylbewerberheim (die Zentrale Aufnahmestelle ZAst) mit Steinen an und werfen Scheiben ein. Auch ein Molotow-Cocktail wird auf einen Balkon geworfen. Etwa 1000 bis 2000 Zuschauer und Anwohner sehen zu und rufen ausländerfeindliche Parolen. Kaum mehr als 30 Polizisten, ohne jegliche Schutzausrüstung, sind mehrere Stunden den Attacken der Randalierer ausgesetzt, ohne dass die angeforderte Verstärkung eintrifft. 13 Polizisten werden verletzt, einer davon schwer. Ein Polizeifahrzeug wird völlig zerstört, ein PKW und ein Kleinbus angezündet. Erst gegen zwei Uhr morgens treffen zwei eilig aus Schwerin angeforderte Wasserwerfer und ein Polizeizug ein. Gegen 5 Uhr ziehen sich die Randalierer schließlich aus Müdigkeit und Erschöpfung zurück. Neun Personen werden festgenommen, am nächsten Tag jedoch wieder freigelassen.

    Sonntag, 23. August 1992
    Um ca. 5 Uhr wird Jürgen Deckert, der den Polizeieinsatz in Rostock später leiten wird, durch seinen Stellvertreter über die Vorfälle in Lichtenhagen informiert und kehrt nach Rostock zurück, wo er ca. 8:45Uhr eintrifft und gegen 11Uhr mit der Einsatzleitung in Lichtenhagen beauftragt wird.

    Bereits um die Mittagszeit versammeln sich erneut Jugendliche und auch einige Anwohner vor dem Asylbewerberheim. Schon in den frühen Nachmittagsstunden ist die Anzahl der Menschen vor dem Haus auf mehrere hundert angewachsen. Auch Polizeikräfte sind vor Ort. Gegen 17Uhr kommt es zu einem koordinierten Angriff auf das Asylbewerberheim und ebenfalls auf das daneben befindliche Heim der Vietnamesen. Die Randalierer greifen gleichzeitig an der Vor- und Rückseite des Hauses an und überraschen die Polizei. Einer Gruppe von Gewalttätern gelingt es, in das Heim der Vietnamesen einzudringen. Die Polizei schreitet ein und vertreibt die Angreifer erfolgreich aus dem Haus.

    Am Nachmittag versucht der stellvertretende Rostocker Bürgermeister Wolfgang Zöllick (CDU) gemeinsam mit dem Rostocker Bürgerschaftspräsidenten Christoph Kleemann mit den Anwohnern vor Ort ins Gespräch zu kommen. Die Äußerungen und die Stimmung die Kleemann und Zöllick dort begegneten bezeichnen beide als „ernüchternd“ und „erschütternd.“

    Am späten Nachmittag trifft der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lothar Kupfer, in Rostock ein und informiert sich über die Lage. Obwohl deutlich mehr Polizeikräfte im Einsatz sind als am Abend zuvor und neben der Rostocker Polizei auch Einheiten der Landespolizei sowie drei Wasserwerfer zum Einsatz kommen, geraten die Beamten unter stärkeren Druck. Ein Polizeifahrzeug wird in Brand gesetzt. Die Angreifer gehen mit Leuchtraketen, Molotows, Schlagwaffen und Steinen gegen die Polizisten vor. Etwa 800 bis 1.000 Randalierer versuchen erneut das Asylbewerberheim zu stürmen und ca. 2.000 Schaulustige und Anwohner sind an diesem Abend vor dem Haus versammelt. Am Sonntagabend treffen die ersten Reporter und Fernsehjournalisten in Rostock ein. Sie postieren sich am Supermarkt gegenüber des Sonnenblumenhauses.

    Um 22 Uhr beginnt unweit des Sonnenblumenhauses eine kurzfristig angemeldete und zuvor genehmigte linke Gegendemonstration mit ca. 100 bis 200 Teilnehmern. Kurz nach Beginn wird die Demonstration allerdings von der Polizei aufgelöst und ca. 60 Demonstranten verhaftet.

    Sonntag Nacht kehrt schließlich auch der Rostocker Oberbürgermeister Klaus Kilimann, der bis dahin seit dem 3. August im Urlaub war, in die Stadt zurück. Es wird eine nächtliche Krisensitzung einberufen und erneut die Evakuierung der ZAst in Erwägung gezogen, dann jedoch verworfen.

    Um 2:45 Uhr treffen zwei Hundertschaften aus Hamburg in Hubschraubern auf dem Gelände ein. Den sehr gut ausgerüsteten sowie gut ausgebildeten Beamten gelingt es, die Randalierer erfolgreich zurück zu drängen. Anwohner und Zuschauer berichten, dass die Polizei in dieser Nacht auch massiv gegen die Zuschauermenge vorging, unter anderem unter Einsatz von Hunden und Schlagstöcken, was nicht wenige der, zunächst nur neugierigen Zuschauer, gegen die Polizei aufbrachte und dazu beitrug, das die Mehrheit sich auf die Seite Randalierer schlug.

    Nach Beobachtungen von Journalisten treffen am Sonntag mehrere prominente Größen aus der Neonazi Szene, darunter Bela Ewald Althans, Gerhard Frey und Christian Worch, der per Funkgerät die Krawalle mitgesteuert haben soll, in Lichtenhagen ein. Nach der Ankunft der Hamburger Beamten sind in der Nacht vom Sonntag auf den Montag insgesamt zwischen 800 und 1.000 Polizisten im Einsatz. 74 Beamte werden verletzt und etwa 130 Personen festgenommen, wobei darunter auch ca. 60 linke Gegendemonstranten sind. Gegen vier Uhr morgens lösen sich die Ausschreitungen auf.

    Montag, 24. August 1992
    7 Uhr morgens kehrt Einsatzleiter Jürgen Deckert am Montag nach einer schlaflosen Nacht ins Revier zurück und gibt dort bis um 11 Uhr Presseinterviews. Daraufhin versucht er zusätzliche Einheiten der Schweriner Landespolizei zu organisieren, da die Hamburger Innenverwaltung darauf drängt, die am Vorabend entsandten Hundertschaften wieder zu entlassen. Eine Einsatzbesprechung, wie an den Tagen zuvor, findet am Montag nicht statt.

    Um 10.15 Uhr findet eine Sondersitzung des Innenausschusses von Rostock statt. Zu den Teilnehmern gehörten u. a. Oberbürgermeister Kilimann, Innenminister Kupfer, LKD Kordus. Auch bei diesem Treffen beschließt man, keine vorzeitige Evakuierung vorzunehmen, sondern schrittweise zu räumen. Als Gründe dafür werden später angegeben, dass eine Räumung, ein Zurückweichen der Politik vor der Gewalt bedeuten würde und die Polizisten im Einsatz womöglich demotiviert wären, ein leeres Haus zu schützen.

    Das Ergebnis der Sitzung wird an alle Stellen durchgegeben und auch in verschiedenen Pressekonferenzen verbreitet. Weiterhin wird in dieser Sitzung erneut auch die Gefahrenlage besprochen. Kordus vertrit dabei die Ansicht, dass es am Montag keine Fortsetzung der Krawalle geben wird, weil dies die Erfahrungen „ähnlicher“ Phänomene gezeigt habe. Kordus bezieht sich dabei auf Fußballspiele und Ausschreitungen von Autonomen in Hamburg.

    Etwa zur selben Zeit als im Rostocker Rathaus der Innenausschuss tagt, reist der zuständige Leiter der Ausländerabteilung im Landesinnenministerium, Winfried Rusch, in Rostock Lichtenhagen an. Gemeinsam mit der Heimleiterin der ZAST, Heike Buhrow, macht er sich ein Bild von den dortigen Zuständen und erörtert die Gefahrenlage. Beide kommen zu dem Schluss, dass die Gefahr für die Menschen im Heim zu groß wäre und diese umgehend evakuiert werden müssten. Rusch versucht, seine Vorsitzenden Kupfer und Baltzer zu erreichen, was jedoch nicht gelingt, weil sich diese zur selben Zeit in der Innenausschusssitzung befinden.

    So beschließen Rusch und Buhrow ohne Abzuwarten, die Evakuierung der ZAst im Alleingang anzuordnen. Sie informieren einen begleitenden Polizeioffizier, einen Beamter der Hamburger Einsatzkräfte, die Räumung zu sichern. Für die Vietnamesen im Wohnheim nebenan sehen sowohl Rusch als auch Buhrow zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr. So sagt Rusch später aus, er habe keinen Moment an sie gedacht und fügt hinzu: „Für die Vietnamesen war ich nicht zuständig.“ Tatsächlich steht das Wohnheim der Vietnamesen ausschließlich in der Verantwortung der Stadt.

    Rusch setzt sich mit dem Rostocker Innensenator Peter Magdanz in Verbindung, der die Busse für die Evakuierung organisiert. Da sowohl Magdanz als auch die Polizeibeamten davon ausgehen, dass Rusch im Auftrag des Innenministers handelt, halten sie die Weitergabe der Information über die Räumung nicht für notwendig, da sie der Auffassung sind, dass diese Tatsache ihren Kollegen bereits bekannt sein müsste. Um 15 Uhr wird mit der Räumung begonnen. Während Innenminister Kupfer um 16 Uhr verkündet, eine Evakuierung werde es aus den oben genannten Gründen nicht geben, ist das Heim bereits leer. Alle Stadt- und Landespolitiker sowie die Polizeiführer werden erst ab dem späten Nachmittag von der bereits abgeschlossenen Evakuierung erfahren.

    Zwischen 15 Uhr – 16 Uhr ist Jürgen Deckert vor Ort in Lichtenhagen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Nach den Ausschreitungen am Sonntag waren sich die Verantwortlichen zunächst einig, dass am Montag keine weiteren Krawalle zu erwarten sind: “Am Montag demonstriert einfach niemand.“ beschreibt Deckert seine damalige Einschätzung.

    Ab den frühen Nachmittagsstunden versammeln sich auf der Wiese vor der ZAst stetig mehr Schaulustige, Kinder und Erwachsene, Jugendliche. Die Atmosphäre wird als „Volksfeststimmung“ geschildert. An drei Imbissbuden versorgen sich die Besucher mit Bier und Essen. Die Polizei kontrolliert stichprobenartig nach Waffen und läuft Patrouille. Dennoch beschreiben Reporter, wie Jugendliche ungestört Molotowcocktails vorbereiten und Steine sammeln.

    Ohne Kenntnisse über die Räumung der ZAst, verabschiedet Oberbürgermeister Klaus Kilimann sich am frühen Montag Nachmittag wieder aus Rostock. Er sah nach eigenen Angaben keine Notwendigkeit für seine weitere Anwesenheit. Der Schutz der ZAst und der Asylbewerber sei Aufgabe der Polizei gewesen, erklärt er später im Untersuchungsausschuss. Auch in der Rostocker Bürgerschaft herrscht am Montag die Meinung, das unter der Woche keine weiteren Ausschreitungen zu erwarten seien. So fährt Kilimann zurück in sein Ferienhaus nach Hasenwinkel, wo es weder Fernsehen, noch Rundfunk gibt und auch keine Telefonverbindung. Kilimann „So dass ich eigentlich die Sache im Kopf abgehakt hatte.“

    Gegen 17 Uhr kehrt Jürgen Deckert zurück in die Einsatzzentrale und versucht erneut, zusätzliche Einheiten aus Schwerin zur Verstärkung zu bekommen. Dies gestaltet sich nach Deckerts Angaben als sehr schwierig. Die Anforderung wird mehrfach als unbegründet abgelehnt, während der Druck aus Hamburg, die Einheiten auszulösen, bekräftigt wird.

    In einem Telefongespräch am frühen Abend zwischen dem Abteilungsleiter im Schweriner Innenministerium Winfried Rusch, dem Polizeipräsidenten von Rostock Siegfried Kordus und dem Innenminister Lothar Kupfer, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Rostocker Polizeidirektion befindet, bezeichnet Rusch die Evakuierung als abgeschlossen. Daraufhin verlassen sowohl Kupfer als auch Kordus die Direktion und sind von diesem Zeitpunkt an für die nächsten Stunden, in denen sich die Katastrophe in Lichtenhagen ereignet, nicht zu erreichen.

    Gegen 19 Uhr beginnen indes erneut die Krawalle vor der ZAst unter noch stärkerer Beteiligung als in den Tagen zuvor. Bis zu 3.000 Zuschauern und über 1.000 gewaltbereiten Randalierern stehen etwa 1000 Polizeibeamten gegenüber. Während die Polizei die Lage zunächst noch unter Kontrolle hat, geraten die Beamten durch die erneut gestiegene Gewaltbereitschaft massiv unter Druck. Nachdem die Hamburger Hundertschaften gegen 21 Uhr nunmehr über 20 Stunden im Einsatz sind, wächst der Druck auf Jürgen Deckert, sie durch neue Einheiten auszutauschen. Zur selben Zeit erwägt Deckert, das Konzept zu ändern. Statt vor dem Heim weiter die Stellung zu halten, soll auf einen offensiven Einsatz umgeschaltet und das Gelände durch einen massives und rigoroses Durchgreifen geräumt werden. Es ist nicht klar, warum dieses Konzept nicht mehr zur Umsetzung kommt.

    Um 21:25 Uhr gibt Deckert schließlich, nach eigenen Angaben, den Befehl an die Hamburger Hundertschaften, sich zurückzuziehen „wenn es die Lage zulässt“ und eine „Umgruppierung“ mit den Einheiten aus Schwerin vorzunehmen. Aus einem nicht endgültig geklärten Zusammenspiel von Kommunikationsproblemen, Missverständnissen und Koordinierungsfehlern, führte dieser Befehl dazu, dass sich ab 21:25 Uhr alle Polizeieinheiten vom Gelände am Sonnenblumenhaus zurückziehen. Der Rückzug löst zunächst große Verwirrung bei Zuschauern und Randalierern aus. Auch die Reporter der Fernsehsender, die diesen Vorgang live beobachteten, sprechen von einer gespenstischen Stimmung, die plötzlich vor dem Haus herrscht.

    Wie Deckert kurz darauf mit Erschrecken feststellt, sind die Schweriner Landespolizeieinheiten, die für die Hamburger Hundertschaften einspringen sollten, nicht vor Ort, sondern stehen auf dem Innenhof des Reviers in Lütten-Klein. Deckert befiehlt diesen Einheiten, sich sofort nach Lichtenhagen aufzumachen, es dauert jedoch eine Weile bis sich der Zug, nicht zuletzt wegen der Wasserwerfer, in Bewegung setzt. Es dauert von da an insgesamt über eine Stunde, bis die Polizei das Gelände am Sonnenblumenhaus erreicht.

    Als die Menge begreift, dass die Polizei scheinbar aufgegeben hat, beginnt der Sturm auf das Asylbewerberheim und das daneben liegende Heim der Vietnamesen. Mit Molotowcocktails wird das Haus in Brand gesetzt, Randalierer dringen in die Heime ein und machen Jagd auf die Vietnamesen. Sie zertrümmern die Einrichtungen, setzen die Wohnungen in Brand, begleitet vom Jubel, vom Beifall und den Gesängen der Schaulustigen. So stimmen die Zuschauer irgendwann im Angesicht der Flammen „Oh Tannebaum, Oh Tannebaum...“ und „So ein Tag so wunderschön wie heute“. an.

    Zur gleichen Zeit versuchen die im Heim eingeschlossenen Menschen; ca. 120 Vietnamesen, der Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter, einige Sozialarbeiter, Aktivisten der Antifa und ein Fernsehteam des ZDF, vergeblich die Polizei zu erreichen. Während die Randalierer Stockwerk für Stockwerk näher kommen, suchen die Menschen verzweifelt und unter Todesangst nach einem Fluchtweg. Nur durch einen Glücksfall finden sie schließlich einen Zugang auf das Dach des Hauses und können sich in einem anderen Aufgang retten. Eine kleine Gruppe von Vietnamesen und der Wachschutzbeamte Bernd Legler verbarrikadieren sich bis zum Ende der Krawalle in einer Wohnung im Heim.

    Nach Angaben des Leiters der Feuerwehr Wilfried Behnke trifft die Feuerwehr bereits 21:50 vor Ort ein, kann jedoch nicht eingreifen, da die Zufahrt von den Zuschauern versperrt wird und die Feuerwehrleute von den Randalierern mit Seiten beworfen, mit Baseballschlägern bedroht und geschlagen werden.

    Mit Fassungslosigkeit und Entsetzen berichten die Fernsehteams indes weiterhin live vom Dach des Supermarktes und dokumentieren, wie ein Stockwerk des Heims nach dem anderen in Flammen aufgeht. Gegen 22:30 erreicht Jürgen Deckert mit der Schweriner Hundertschaft das Gelände. Um 23:00Uhr gelingt es den Beamten, einen Korridor für die Feuerwehr freizumachen, die daraufhin mit den Löscharbeiten beginnt.

    Peter Madganz findet sich vor Ort ein und koordiniert in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr um 23:30Uhr den Abtransport der Vietnamesen in zwei Bussen. Obwohl sie durch eine Polizeikette abgeschirmt werden, beschimpfen Randalierer und Schaulustige die Vietnamesen beim Verlassen des Hauses. Ihre Abfahrt wird mit Jubel und Beifall gefeiert. Etwa gegen Mitternacht sind die Löscharbeiten beendet.

    Auf ihrer Fahrt zu einer Notunterkunft werden die Busse mit den Vietnamesen von mehreren PKWs verfolgt und von augenscheinlich gewaltbereiten Insassen bedroht. Die Busse müssen mehrere Umwege fahren, um ihre Verfolger schließlich abzuschütteln. Sie erreichen schließlich eine Turnhalle in Marienehe, wo sie ohne Verpflegung und ohne weiteren Polizeischutz untergebracht werden.

    Gegen 3Uhr beruhigen sich die Krawalle vor dem Sonnenblumenhaus. Die Polizei meldet für die Nacht vom Montag zum Dienstag 52 verletzte Beamten. Angaben über die Zahl der Verhaftungen variieren um ca. 150. Noch in der Nacht geben sowohl Deckert, Kordus als auch Kupfer in mehreren Interviews an, dass der Einsatz der Polizei insgesamt erfolgreich verlief und zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Vietnamesen bestand. Jürgen Deckert will erst am folgenden Tag davon erfahren haben, dass die Vietnamesen sich in dieser Nacht in Lebensgefahr befanden.

    Dienstag, 25. August 1992
    Die Ausstrahlung der ZDF Sendung „Kennzeichen – D“ zeigt die Aufnahmen aus dem Inneren des Heimes während der Krawalle und offenbart das ganze Ausmaß der Ausschreitungen.

    Vor dem Sonnenblumenhaus ereignen sich in der Nacht zu Mittwoch erneut Krawalle. 1.200 Randalierer liefern sich Straßenschlachten mit etwa 1.600 Polizeibeamten. Anders als in den Nächten zuvor sind kaum noch Zuschauer anwesend. Die Anwohner äußern sich zusehends ablehnend bezüglich der Krawalle. Das Ziel, die ZAst zu räumen sei schließlich erreicht.

    Mittwoch, 26. August 1992
    In der Nacht zu Donnerstag liefern sich wieder ca. 600 Jugendliche stundenlange Gefechte mit etwa 1.600 Polizisten, die aber nun über weite Strecken die Gewalt unter Kontrolle hat.

    Samstag, 30. August 1992
    Eine Großdemonstration gegen Rechte Gewalt und Fremdenhass mit bis zu 15.000 Teilnehmern, darunter Mitgliedern der Antifa und der linken Autonomen Szene, überwiegend jedoch aus normalen Bürgern, findet in Rostock Lichtenhagen statt. Die weitestgehend friedlich verlaufende Veranstaltung wird von einem Polizeiaufgebot von ca. 3.000 Polizisten begleitet. Neben Wasserwerfern sind auch Hubschrauber im Einsatz. Zuvor wurden alle Zufahrtswege und Bahnhöfe in Rostock von der Polizei abgeriegelt, um die ankommenden Teilnehmer zu durchsuchen und Personalien aufzunehmen. Die Demonstranten rufen auf ihren Marsch durch die Straßen um das Sonnenblumenhaus „Mörder, Mörder“ in Richtung der Anwohner. Am Rande der Demonstration kommt es zu kleinen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Schließlich wird der Imbisswagen „Happi Happi bei Api“, einer von drei Imbissständen, die während der Krawalle mit Wurst und Bierverkäufen große Umsätze machten, angegriffen, demoliert und in Brand gesetzt.

    DIE TÄTER
    Nach den Ausschreitungen von Rostock Lichtenhagen wurde von Rostocker und Schweriner Politikern, sowie der Rostocker Bevölkerung die These aufgestellt, die Randalierer vor dem Sonnenblumenhaus seien bis auf wenige Ausnahmen zugereiste Nazis aus dem ganzen Bundesgebiet gewesen. Obgleich in den letzten Tagen der Ausschreitungen tatsächlich Skinheads aus allen Bundesländern in Lichtenhagen anzutreffen waren, spricht allein die Statistik der Verhaftungen eine andere Sprache: Schleswig Holstein, 11; Hamburg: 25, Wismar:10, Schwerin:2, Berlin, 39, Bad Doberan:8 – Rostock und Umgebung: 232

    Dennoch gibt es entscheidende Unterschiede zwischen den zugereisten Randalierern und der überwiegenden Zahl der Rostocker Täter. Während es sich bei den zugereisten fast ausschließlich um überzeugte Neo-Nazis und Skinheads im Alter zwischen 18-26 Jahren handelt, sind die Haltungen und Motivationen der heimischen Täter oft uneindeutig, widersprüchlich und vielfältig. Auch ist das Alter der meisten Rostocker Täter erheblich niedriger. Die meisten sind zwischen 15 und 20 Jahre alt. Viele von ihnen haben kein martialisches Aussehen wie z.B. Skinheads und auch keine Kleidung, die offen eine faschistische Gesinnung anzeigt. Sie erscheinen auf den ersten Blick wie ganz normale Jugendliche oder wie viele Anwohner immer wieder betonen: „das sind keine Nazis, das sind unsere Kinder.“ Die soziale Herkunft der Rostocker Täter ist sehr verschieden und reicht durch alle Schichten der Gesellschaft. Es sind nicht nur Kinder aus zerrütteten, gewalttätigen Familien, es sind die Söhne und Töchter der Lichtenhagener Bevölkerung, von ehemaligen Werftarbeitern, Ingenieuren, Offizieren, Handwerkern, Professoren und Lehrern. Sie haben eine gute Schulbildung und viele würden sich nicht als rechtsradikal Bezeichnen, höchstens als eher rechts. Einige wären nur deshalb dabei, weil ihre Freunde rechts seien.

    Die Krawalle bieten den jugendlichen Randalierern aus Lichtenhagen unverhofft eine Bühne. Während sich zuvor und danach niemand für sie interessiert, nicht einmal die eigenen Eltern, werden sie plötzlich tagsüber von Journalisten nach ihrem Leben befragt und von Fotografen abgelichtet. Die Interviews mit Jugendlichen während der Ausschreitungen offenbaren dabei das bewusste Spiel der Jungen und Mädchen mit der Grenzüberschreitung, dem Verbotenen. Sie übertreffen sich darin, Gewaltszenarien auszumalen, Grausamkeiten zu befürworten, faschistische Parolen einzuwerfen, um sich dann teilweise im gleichen Satz zu widersprechen. So äußert sich beispielsweise ein Vierzehnjähriger gegenüber einem Reporter: “Man hätte die Zigeuner ihre Scheiße auflecken lassen sollen, mit einer Stahlkette um die Füße. Das muss so brutal gesagt werden. Dann würden sie das nicht mehr machen“ In einem Interview diskutieren drei Jugendliche über Politik und kommen zu der Einschätzung:

    STERN: Haben die Politiker versagt?
    RAMONA: Die kennen unsere Probleme gar nicht. Jetzt streiten sie sich übers Nacktbaden in Warnemünde.
    RALF: Und der Kupfer (…), der kann doch mal gerade in eine Kamera gucken.
    STERN: Welcher Politiker kann denn gerade in die Kamera gucken?
    RALF: Frey und Schönhuber
    RAMONA: Gysi, der redet wenigstens keinen Schnee
    RAIKO: Der ist okay, obwohl er ne linke Sau ist
    PAULE: Eigentlich hätten wir den Politikern eins in die Fresse hauen sollen.


    In einem Zeitungsbericht schildert ein anderer Reporter folgende Begebenheit. Als das Grüppchen selbst ernannter (linker) Autonomer am Nachmittag “Nazis Raus“ auf das Pflaster der Lichtenhagener Fußgängerzone sprüht, kommt Sven, der Skin, mit einem Freund, einem “Fascho“ dazu. Sven lacht. “Nazis raus, was soll der Scheiß?“ Der sprayende Autonome muss sich nicht bedroht fühlen. Sven flachst nur “Wir kennen uns hier alle. Wir tun uns nichts.“

    Trotz des Spiels mit der Provokation finden sich in den Aussagen immer wieder Hinweise darauf, dass die Jugendlichen wissen, dass sie einen Stellvertreterkrieg führen. „Es ist falsch, daß wir hier am Asylantenheim angreifen. Eigentlich müssten wir vors Rathaus ziehen„ sagt ein Siebzehnjähriger am Rande der Krawalle.

    Nachts dürfen die Jugendlichen dann, von dreitausend Zuschauern angefeuert, ihren Mut und ihre Kraft im Straßenkampf gegen die Polizei erproben. Auch hier stehen sie im Mittelpunkt der Fernsehkameras. Ein Reporter notiert den Dialog zweier junger Randalierer:

    A: Hast Du mich in „Panorama“ gesehen?
    B: Nein, ich war aber in den „Tagesthemen“.


    „In der DDR waren sie für die kleinsten Randale im Knast gelandet, heute kommen sie in die Zeitung oder ins Fernsehen,“ führt der Reporter weiter aus und ein Kollege beschreibt die Atmosphäre unter den Randalierern als ein „Gemisch aus Hass, Neugier und Abenteuerlust“

    Immer wieder taucht in den Gesprächen auch die Sehnsucht nach der DDR auf: „Was hat man denn erreicht?“ fragt Ellen in die Runde “Höhere Mieten, Arbeitslose und auf der Straße bist Du nicht mehr sicher. (...)das Du früher für 25 Pfennig mit der Straßenbahn fahren konntest, dass du Dich daran gewöhnt hast für Erdbeeren eine Stunde anzustehen. Und wenn sie dann weg waren, war's auch egal“ Der Sozialismus wird zum verlorenen Paradies verklärt, wo die Eltern noch Arbeit hatten, die Kinder eine meist fröhliche Kindheit und die Jugend eine trostlose, aber gesicherte Zukunft hatte. All das scheint den Jugendlichen im neuen System zu fehlen. Die Rostocker Krawalle können somit auch als ein aggressiver und wütenden Versuch gedeutet werden, den Verlust einer vermeintlich heilen Welt zu bewältigen und sich an den noch Schwächeren zu rächen.

    ANWOHNER UND ZUSCHAUER
    Ein ebenso Aufsehenerregender, wie erschreckender Aspekt der Rostocker Krawalle war, neben der entfesselten Gewalt der mitunter minderjährigen Täter, die große Menge von bis zu 3.000 Zuschauern, überwiegend aus Anwohnern oder Rostocker Bürgern bestehend, die die Ausschreitungen mit Beifall und Zurufen unterstützten. Das Spektrum der Haltungen und Motivationen innerhalb der Zuschauer war ebenso vielfältig wie die soziale Herkunft der Schaulustigen. Neben ehemaligen arbeitslosen Werftarbeitern, Hafenarbeitern und Handwerker waren auch Lehrer, Ex-Polizisten, Professoren oder Ingenieure hier. Während eine nicht geringe Menge die Randale als eine politische Demonstration begriff, in der sie ihren Unmut über die Ausländer und die Ignoranz der Politiker ausdrückte, waren Andere schlichtweg neugierig. Die Krawalle und auch das besondere Medieninteresse war eine ungewohnte Abwechslung, zumal die Kampfhandlungen zwischen Hooligans und Polizisten ein aufregendes Schauspiel boten. Immer wieder lesen sich zudem Berichte, in denen die Zuschauer das Geschehen, auch noch während des Brandanschlages, mit dem eines „Volksfest“ vergleichen. Sie genießen das Gefühl der Gemeinschaft, trinken Bier oder holen sich eine Bratwurst an einer der drei Imbissbuden, von denen die populärste „Happi Happi bei Api“ allein am Montag Abend 2.200 D-Mark Umsatz verzeichnete. Die Krawalle waren also auch ein Anlass, sich nach langer Zeit mal wieder mit Bekannten und Freunden zu treffen.

    Nicht wenige unter den Zuschauern sind die Mütter und Väter der Jungen, die sich wenige Meter entfernt mit Polizisten prügeln. Es ist deshalb einerseits nicht verwunderlich, warum die Zuschauer die Randalierer gegenüber der Polizei und auch den Medien in Schutz nahmen. Wenn eine Tat (wie in diesem Fall Steine und Brandsätze auf Menschen zu werfen), die normaler Weise nicht nur durch das Gesetz, sondern auch durch die Eltern verboten ist, plötzlich nicht nur möglich, sonder seitens der Eltern und Nachbarn auch noch gewünscht wird, so ist kaum ein stärkerer destruktiver Antrieb vorstellbar. Dieser Zustand kann mit jenem während der Pogrome gegen jüdische Einrichtungen im Dritten Reich verglichen werden, in denen das eigentlich per Gesetz Verbotene durch das Nicht-Handeln der Behörden und den Jubel von Zuschauern plötzlich zu etwas Anerkanntem umgewertet wird. Die Zerstörung kann ohne Schuld genossen werden. Neben Anfeuerungsrufen und Parolen wie „Deutschland den Deutschen – Ausländer Raus“ griffen die Zuschauer die Polizei auch verbal an. So geht ein älterer Herr auf einen Beamten los der gerade einen Randalierer verhaften will: „Auf welcher Seite steht ihr eigentlich? (...) Die Bullen sind Verräter.“ Neben Anfeuerungsrufen und verbalen Attacken auf die Polizei weitet sich die Beteiligung der Menge ab der zweiten Nacht der Krawalle auch bis zu konkreten Aktionen aus. Zuschauer lassen die Luft aus den Reifen der Mannschaftswagen, versorgen die Randalierer mit Nachschub an Steinen, leeren Flaschen für Brandsätze und Benzin. Die Menge ist der Rückzugsort der Angreifer, so dass die Polizei ihnen nicht habhaft werden kann. In diesem Klima der Anonymität, des Verschwindens in der Masse und der Sicherheit, nicht ertappt zu werden, werden die Grenzen von Täter und Zuschauer durchlässig, so dass sich auch der eine oder andere Zuschauer der Versuchung hingibt, einen Stein zu werfen. Die beschriebene Situation wird von damals Anwesenden als rauschhaft und lustvoll geschildert, als etwas, das wie ein Film vor den Augen abläuft. Das sichtbarste Zeichen der Mittäterschaft ist die Blockade der Feuerwehrfahrzeuge durch die Zuschauer, die zum Löschen des in Brand gesetzten Heimes kommen, nachdem sich die Polizei bereits zurückgezogen hatte.

    Mit der Brandnacht vom 24. August ändert sich die Haltung der meisten Anwohner und Zuschauer. Noch während die Molotowcocktails auf das Heim fliegen, zeigen viele Schaulustige plötzlich Entsetzen darüber, was sie durch ihren Beifall herbeigerufen haben. Ein Anwohner wird in der … Zeitung mit folgenden Worten zitiert: „Heute ist es zum Kotzen“ murrt ein älterer Mann. Seine Gattin ergänzt: „Samstag und Sonntag hab ich's verstanden. Das war Protest. Wir gucken es uns ja schon seit 'nem Jahr an, das mit den Asylanten. Wie sie im Müllcontainer wühlen, Dreck machen. „Ja „ sagt er, „aber das ist jetzt Vandalismus.“

    In den folgenden Tagen sinkt die Zahl der Schaulustigen daraufhin spürbar und der Ruf nach dem Ende der Krawalle wird laut, zumal die Krawalle auch die Lebensqualität der Einwohner nicht unwesentlich beeinträchtigten. So müssen die Fenster wegen den Tränengas geschlossen bleiben und viele Anwohner haben Sorge, ihre PKWs könnten beschädigt werden. Plötzlich werden die eben noch beschimpften Polizisten beklatscht, wenn sie erfolgreich gegen die Hooligans vorgehen. Auch die Gegendemonstration nach dem Ende der Ausschreitungen am Samstag, den 30. August 1992, wird von der überwiegenden Anzahl der Bewohner gutgeheißen, gleichwohl die Rufe von der Straße die Bewohner als Mörder beschuldigen.

    Die Politiker
    Die überwiegende Mehrheit der unmittelbar zuständigen Politiker sind vor, während und nach den Ausschreitungen ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden. Auch nach der Brandnacht am 24. August sind die ersten politischen Reaktionen überwiegend gegenseitige Anschuldigungen. Auf Bundesebene sehen die Christdemokraten die Ursache der Krawalle in dem „unkontrollierten Zustrom“ von Ausländern, der die Bewohner „überfordere“ und geben der SPD durch ihre Blockade einer Gesetzesänderung des Asylrechts eine Mitschuld. Bundesinnenminister Seiters äußert den Verdacht, Linke und Rechte hätten bei den Krawallen zusammengearbeitet und Helmut Kohl behauptet im Bundestag, er gehe davon aus, das die Stasi die Krawalle „generalstabsmäßig“ geplant hätte.

    In Mecklenburg-Vorpommern sprach sich der Landesinnenminister Lothar Kupfer (CDU) kurz nach seinem Amtsantritt für „eine knallharte“ Änderung in der Asylpolitik aus und trug durch seine Weigerung, die ZAst frühzeitig zu verlegen, zur Eskalation im Vorfeld der Krawalle bei. Er erschien erst am Sonntag in Rostock, um dann auf einer Pressekonferenz zunächst Verständnis für die aufgebrachten Bürger zu zeigen, die Kriminalität der Asylsuchenden und den Asylmissbrauch als Ursachen ins Feld zu führen, um schließlich mit der Forderung einer Grundgesetzänderung zu schließen. Am Montag ordnete er die Evakuierung der ZAst an, ohne die Politiker in Rostock darüber zu informieren. Nach den Krawallen wies Kupfer jegliches Verschulden von sich und wiederholte stattdessen seine These von der Verschuldung der Krawalle durch die Asylsuchenden selbst. Obwohl er als Innenminister die Verantwortung sowohl für die ZAst als auch den Polizeieinsatz zu tragen hatte, lehnte er einen Rücktritt ab: „Ich wüsste nicht, was ich mir vorzuwerfen hätte.“ Nach lang anhaltendem Druck der Opposition entlässt Ministerpräsident Bernd Seite schließlich Lothar Kupfer am 11. Februar 1993 aus seinem Amt.

    Auch der Rostocker Oberbürgermeister Klaus Kilimann (SPD) lehnte zunächst einen Rücktritt ab. Obwohl er im Vorfeld der Krawalle der Landesregierung Untätigkeit im Hinblick auf die Situation bei der ZAst vorwarf, unternahm er selbst keine Schritte, um die drohende Eskalation zu unterbinden. Bei Ausbruch der Krawalle befand er sich in seinem Ferienhaus, zudem er nach einem kurzen Krisenbesuch in Rostock auch wieder zurückfuhr.

    Das Versagen der Politiker während der Krawalle in Rostock Lichtenhagen zeigt sich zum einen an der Tatsache, dass fast alle zuständigen Beamten und Politiker am Wochenende nicht erreichbar waren. Viel gravierender ist jedoch die Rolle der Politik im Vorfeld der Krawalle. Obwohl sich die Unruhen schon lange zuvor angekündigt hatten, handelte die Politik über mehrere Monate nicht bzw. nicht entschlossen genug, um die unhaltbaren Zustände vor der ZAst zu verbessern. Stattdessen heizten Politiker quer durch das politische Spektrum mit unterschwelliger bis offen rassistischer Polemik über den kriminellen “Asylbetrüger“ und der “Asylantenflut“ den Hass auf Zuwanderer weiter an. Mit der sich zuspitzenden so genannten Asyldebatte im Bundesrat wurden solche Aussagen insbesondere von Seiten der CDU/CSU in den Wochen vor den Ausschreitungen noch einmal schärfer. Kompetenz- und Zuständigkeitsstreitigkeiten zwischen Lokal-, Landes- und Bundespolitik und Machtkalkül trugen so erheblich zur Eskalation der Krawalle bei.

PRESSESTIMMEN
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  • »Qurbani erzählt einfach auf eindringliche und manchmal überraschende Weise. So ist der Film selbst dann, wenn die Masse ihren Hass herausschreit, erstaunlich leise und hallt im Zuschauer umso lauter wider. WIR SIND JUNG, WIR SIND STARK heißt der Film, den man hören und sehen sollte.«
    (ZDF Heute Journal)

    »Denn vor allem, und das ist großartig, erzählt er die Sicht der Jugendlichen: Er skizziert sie als Jungs, die vom Leben gar nicht viel wollen, doch weil sie auch das nicht bekommen, radikalisieren sie sich, sie werden politisch, ohne wirklich politisch zu sein.«
    (Der Spiegel)

    »Hervorragend ist die Besetzung, darunter Jonas Nay als jugendlicher Randalierer, sowie die überraschende Farbdramaturgie.«
    (kino.de)

    »Authentisch, differenziert, psychologisch und atmosphärisch dicht schildert der Film diesen einen Tag aus unterschiedlichen Blickwinkeln.«
    (Deutsche Welle)

    »So wuchtig darf deutsches Kino öfter sein.«
    (BR kino kino)

    »Eindrucksvolle Bilder.
    (Tip Berlin)

    »(..) Geht unter die Haut.«
    (FAZ)

    »Ein bemerkenswerter deutscher Film (..) von kraftvoller Intensität.«
    programmkino.de